Jüdische Friedhöfe

Jüdische Friedhöfe zählen neben Synagogen und Mikwaot (rituelle Tauchbäder) zu den zentralen Einrichtungen von jüdischen Gemeinden, sie sind damit ein wesentlicher Bestandteil der jüdischen Alltagskultur. In ihnen spiegelt sich die große Vielfalt der einstigen jüdischen Bevölkerung hinsichtlich des sozialen Status und des Berufsstands wider: Industrielle, Bankiers und Kaufleute (überwiegend aus der Textilwirtschaft), Handwerker, Landwirte, Politiker, Rechtsanwälte, Rabbiner, Talmudgelehrte, Philosophen, Wissenschaftler, Mediziner, Künstler und Sportler – hinter jedem Grabstein steht die Biographie eines verstorbenen Menschen.

Inzwischen wurden bis heute 64 jüdische Friedhöfe in Deutschland, Polen, Ukraine und in der Tschechischen Republik in Form von schwarz/weiß-Fotografien von uns dokumentarisch festgehalten. Nur eine kleine Auswahl kann den Eindruck der längst vergangenen Sepulkralkultur wiedergeben. Kurze Steckbriefe zu den besuchten Friedhöfen erläutern die örtlichen Gegebenheiten und exemplarisch einige Biographien der dort Bestatteten. Sie werden ausführlich in unserer Gesamtdokumentation, die voraussichtlich im Jahr 2020 erscheint, erfasst. Der Rückblick auf die Geschichte der jeweiligen jüdischen Gemeinden und ihrer letzter Ruhestätten macht das Ausmaß der Auslöschung jüdischen Lebens und Wirkens in allen vier Ländern deutlich.

Mehr als 70 Jahre nach dem beispielslosen Zivilisationsbruch durch die Diktatur der Nationalsozialisten, bei der die vielfältige jüdische Kultur vielerorts nahezu zerstört wurde und in Anbetracht dessen, dass es in den letzten Jahren wieder vermehrt zu antisemitischen Straf- und Gewalttaten gegen jüdische Mitbürger *innen und jüdische Einrichtungen kommt, die auch Schändungen von jüdischen Friedhöfen umfassen – die Zahlen der registrierten, politisch motivierten Straftaten stiegen im Jahr 2018 um 19,6 % gegenüber dem Jahr 2017
(2018: 1799/2017: 1.504)[2] an – sehen wir es als eine besonders wichtige Aufgabe an, hier ein Zeichen zu setzen und ein neues Bewusstsein durch die Begegnung mit der jüdischen Alltagskultur zu schaffen.

Unser Projekt,  die noch erhaltenen Spuren für die nächsten Generationen sicht- und erlebbar zu machen, möchten wir auch in den nächsten Jahren aktiv fortsetzen. Wir freuen uns, wenn Sie sich durch unsere Ausstellungen motiviert fühlen, jüdische Friedhöfe zu besuchen und uns durch eigene Recherchen und Beiträge dabei zu unterstützen.  


[2] Pressekonferenz/Veröffentlichung 14.05.2019 Politisch motivierte Kriminalität im Jahr 2018 bundesweite Fallzahlen, Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat